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Mehr lokale Unwetter durch globalen Klimawandel?

Diese Frage stellen heute viele Menschen und garantiert so gut wie jeder Journalist. Es wird immer wieder argumentiert, eine globale Erwärmung hätte mehr Wasserdampf in der Atmosphäre und damit ein höheres Energieangebot für Gewitter zur Folge. Ganz grundsätzlich ist das zwar kein verkehrter Gedanke, aber die Bedingungen der Entstehung schwerer Gewitter sind so speziell und so stark von kleinräumigen Einflüssen abhängig, dass es keinen einfachen Zusammenhang zwischen einer globalen Erwärmung und der sommerlichen Gewitteraktivität in Europa geben kann. Klimaprognosen, z.B. für den süddeutschen Raum ergeben obendrein einen Trend zu nur wenig wärmeren, aber dafür wesentlich trockeneren Sommern. Dagegen sollen die Winter deutlich wärmer werden als bisher - und auch erheblich feuchter. Das klingt nicht unbedingt nach mehr schweren Sommergewittern, sondern eher nach mehr Dauerregen oder Schneemassen im Winter.

Ganz vordergründig betrachtet zeigen die TorDACH-Daten der letzten paar Jahre natürlich einen beeindruckende Zunahme der Tornado- und Downburstmeldungen. Schaut man sich die Zeitreihe der Tornadomeldungen seit 1940 an, sieht der Anstieg sogar noch dramatischer aus, vgl. die folgende Abb. 1:

Tornadomeldungen D seit 1800
Abb. 1: Zeitreihe der Tornadomeldungen in Deutschland seit 1800.

Aber aus diese Zeitreihe der Tornadomeldungen darf auf keinen Fall geschlossen werden, dieser Anstieg käme in erster Linie durch mehr Tornadoereignisse, verusacht durch den anthropogenen "globalen Wandel". Viel entscheidender ist bei uns in Europa noch immer die stark variierende Effizienz der Erkennung und Meldung von lokalen Unwettern. Anfang des 20. Jahrhunderts hat Alfred Wegener sehr viele Tornadoberichte aus Deutschland zusammen getragen und 1917 in seinem Buch Wind- und Wasserhosen in Europa veröffentlicht. Daher der Anstieg der Meldungen ab 1880. In den 1930er Jahren hat Johannes Letzmann noch intensiver nach Tornadomeldungen geforscht. Ergebnis: Die 1930er Jahre haben nach wie vor die höchste Anzahl gemeldeter Tornados. Erst die Dekade wird diese Zahl vermutlich übertreffen. Die Frage lautet also: Welcher Prozentsatz der tatsächlichen Ereignisse wird gemeldet?

Ein Rechenbeispiel: In den 1940er Jahren hat sich in Deutschland aus naheliegenden Gründen kaum jemand um Downbursts und Tornados gekümmert, und es wurden vielleicht nur ca. 5 bis 10% aller Ereignisse bekannt. In den letzten fünf Jahren ist es u.a. dank Wetterforen im Internet, TorDACH, Skywarn und Stormchasern womöglich gelungen, ca. 80 bis 90% aller Ereignisse zu dokumentieren. Das bedeutet eine Steigerung um das Acht- bis Achtzehnfache! Und dies ganz allein durch sorgfältigere Dokumentation der Fälle, nicht etwa, weil es tatsächlich mehr Ereignisse gegeben hätte. Selbst wenn die Erwärmung des Weltklimas einen leichten Trend zu mehr Gewittern erzeugen würde - er ginge in den extremen Schwankungen der Beobachtungseffizienz vollkommen unter. Man muss sich hier vor Augen halten, dass offizielle Stellen in den USA noch in den 1920er Jahren behauptet haben, pro Jahr gäbe es in den gesamten USA nur etwa 25 Tornados (das diente in jener Zeit noch als Argument dafür, eine koordinierte Tornadoforschung lohne sich in den USA nicht). Heutzutage liegt der klimatologische Mittelwert der Tornados pro Jahr in den USA bei etwa 1000 bis 1200. Auch hier hat allein das genauere Hinschauen (auch auf die schwächeren Ereignisse) die Zahlen so erhöht, und nicht ein Klimatrend.

Wenn aber die Wahrscheinlichkeit, dass Tornados erkannt und gemeldet werden, in den USA und in Europa in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegen ist, dann ist die Frage naheliegend, ob dieser Anstieg alle Tornado-Intensitäten betrifft. Oft wird behauptet, es gebe "immer mehr signifikante, d.h. starke und verheerende Tornados". Stimmt das?

Hierzu ist zunächst ein Blick in die USA-Daten sinnvoll, und dann ein erster Vergleich anhand der deutschen Daten. Tabelle 1 zeigt die gemeldeten Tornados in den USA aufgeschlüsselt nach Intensität auf der Fujita-Skala für die Dekaden von . Man sieht deutlich, dass es einen echten Aufwärtstrend der Meldungen nur bei den schwachen Tornados (F0, F1) gegeben hat, während die Zahl der gemeldeten signifikanten Tornados (F2 bis F5) nahezu konstant geblieben ist oder sogar leicht abgenommen hat.

Tab. 1: Tornadomeldungen pro Dekade und Fujita-Skala Klasse in den USA, .

 

F-2

F-1

F0

F1

F2

F3

F4

F5

F6

USA, 1990er

0

0

7370

3274

1065

339

81

10

0

USA, 1980er

0

0

3313

3329

1172

313

62

3

0

USA, 1970er

0

0

2396

3653

1910

570

107

16

0

USA, 1960er

0

0

1951

2615

1769

584

103

9

0

USA, 1950er

0

0

1038

1945

1346

466

112

8

0

Betrachtet man in Abb. 2a dieselben Daten als normierte Intensitätsverteilungen, dann wird der Anstieg der Zahlen gemeldeter schwacher Tornados noch deutlicher, und damit verbunden eine prozentuale Abnahme der signifikanten Tornados in den USA während der letzten Dekaden.

Tornado-Intensitätsverteilungen USA 1920-1999 Tornado-Intensitätsverteilungen D nach Epochen
Abb. 2: a) Dekadische Tornado-Intensitätsverteilungen in den USA von , b) Deutsche Tornado-Intensitätsverteilungen nach einzelnen typischen Forschungsperioden.

Abb. 2b gibt eine solche Darstellung für Deutschland, geordnet nach spezifischen Epochen mit intensiver oder eher "zufälliger" Tornadoforschung. Selbst auf dieser gegenüber der der USA viel kleineren Datenbasis zeigen die Intensitätsverteilungen speziell seit der Gründung von TorDACH im Jahr 1997 einen deutlichen Anstieg der Meldungen schwacher Tornados, während bei den starken und verheerenden Tornados eine prozentuale Abnahme im Laufe der Zeit zu sehen ist. Bei den Meldungen von schwachen F0 Tornados können wir in Deutschland in den kommenden Jahren weiterhin mit starken Steigerungsraten rechnen. Es gibt aber keinen Hinweis auf eine Zunahme der signifikanten Tornados: Der F3 Tornado von Acht im Jahr 2003 war z.B. ein Ereignis, das genau in die bestehende Klimatologie passt.

"Kein Hinweis auf eine zunehmende Häufigkeit von Tornados" - Dies Ergebnis wird auch gestützt von den beiden Berichten des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC, 1996, 2001). Weitere Informationen zu diesem Thema bietet das sehr lesenswerte Buch von H. Kraus und U. Ebel, 2003: Risiko Wetter: Die Entstehung von Stürmen und anderen atmosphärischen Gefahren. Springer Verlag, Berlin, 250 S.

Aber auch ohne klimatisch bedingte Zunahme lokaler Unwetter besteht dennoch großer Forschungsbedarf in Europa. Eine verlässliche Unwetterklimatologie ist erst im Entstehen, und die Risikoabschätzung der Bedrohung durch lokale Unwetter stellenweise noch unvollkommen. Was wir zur Erstellung und Qualitätssicherung der Unwetterklimatologie in Europa daher brauchen, ist ein weitergehendes "genaues Hinschauen" in ganz Europa, nicht nur dieses und nächstes Jahr, sondern kontinuierlich und nachhaltig. Das geht nur mit einem professionell organisierten, , sozusagen einem europäischen - dem , das ein ähnlich breites Aufgabenfeld haben müsste wie das NSSL: Gewitterbedingte Überschwemmungen d.h. allgemein Hydrometeorologie in komplexem Gelände, Hagel, Downbursts, Tornados, Blitze, Winterstürme mit Schnee und Eis sowie lokale Regionen extremer Auswirkungen von außertropischen Sturmzyklonen.